Artikel
Altlasten sozialistischer Bildungspolitik – Oder: Vom „Pauker“ zum „Parasiten“?
von Erwin Rigo, ursprünglich publiziert in „Neue Freiheit“, 2004
Seit den 70-er Jahren konnte das Zusammenwirken von sozialistischem Bildungsmanagement und Gewerkschaftspolitik auch als sozialpartnerschaftliches "Bündnis zur Geringschätzung pädagogischer Arbeit“ interpretiert werden. Die Gründe, die das Lehrerblut so oft in Wallung gebracht haben, sind mannigfaltig: unzureichender Grundlohn, Null-Lohnrunden, Abbau von Mehrdienstleistungen, Bestrafung für außerschulische Veranstaltungen (§61) etc., und zuletzt die Forderung nach Trennung von Unterrichts- von Verwaltungstätigkeit (KV-Stunden, Kustodiate).
Jedoch, auch der Sektor Bildung mußte mit 1,3 Mrd. ATS zum ambitionierten Einsparungsziel der Regierung beitragen, was natürlich nicht auf Gegenliebe stoßen kann. Nur, es besteht zum ersten Mal berechtigte Hoffnung, daß nach erfolgter Strukturbereinigung - dazu gehört nun einmal die Trennung von Unterrichtstätigkeit von Verwaltungsaufgaben - ein zeitgemäßes und marktorientiertes Besoldungsrecht herausschauen wird. Falls die tiefgreifende Verwaltungsreform nicht im letzten Moment durch oppositionellen Widerstand verwässert wird, dürfen alle Österreicher noch in dieser Legislaturperiode mit einer Entlastung des Steuerzahlers rechnen.
Rückblick
Die 70-er Jahre
Es war kein Zufall - zumindest liegt diese Vermutung nahe -, daß es über Jahre verabsäumt wurde, für die gesellschaftstragende Funktion der Lehrer angemessene Grundlöhne einzufordern und durchzusetzen. Mitte der Siebzigerjahre wurde noch von einem Teil der Gewerkschaftsvertreter die Angleichung der A-Bediensteten an die Richterlöhne bzw. an die nachgeordneten Dienststellen im Ministerium gefordert. Die Mehrheit entschied sich aber für eine undifferenzierte Besoldung aller Unterrichtstätigkeit in allen Schultypen auf niedrigem Niveau. Es galt als opportun, jegliche pädagogische Arbeit tendenziell gleichzusetzen mit dem vertröstenden Hinweis auf deutlich höhere Pensionsunterschiede. Mit Regelmäßigkeit wurden somit Anhebungen der Anfangsgehälter (wegen der Mindestlohnregelung) als gewerkschaftliche Erfolge gepriesen, aber den Beigeschmack, dabei Eigeninteresse zu verfolgen, um die junge Klientel zum Gewerkschaftsbeitritt zu bewegen, wurden die Vertreter der "Erfolgsstory" nicht so leicht los. Waren doch diese Ergebnisse am leichtesten und billigsten zu erzielen. Kritische Einwände wurden allesamt mit Verweis auf Überstunden abgeblockt.
Mit dieser "Zwangsbeglückung bzw. Zwangsverpflichtung zu Überstunden", die zum wirtschaftlichen Überleben jedes Lehrers (z.B. bei Hausstands- oder Familiengründung) notwendig waren, verlor aber das Berufsbild des Lehrers kontinuierlich an Image, zumal sich diese Anforderung bei ungünstiger Fächerkombination (z.B. zwei Korrekturfächer) auch auf die Leistung auswirken mußte. Auf den Lehrermangel in diesen Jahren wurde also nicht mit attraktiveren Löhnen reagiert, sondern die vorwiegend junge Klientel wurde im Falle kritischen Aufmuckens mit dem Hinweis auf "Pragmatisierung" zum Verstummen gebracht. Gleichwohl habe ich in diesen Jahren keinen einzigen Studenten getroffen, der diesen Beruf wegen der oben erwähnten Privilegien ergriffen hätte. Der Idealismus stand bei dieser Generation noch im Vordergrund, die Bildungsziele waren noch klar definiert. Umso mehr Verwunderung wurde dann beim engagierten Junglehrer hervorgerufen, als er in den Folgejahren Automatismen feststellen mußte, die zur Inflation von Pragmatisierungen führten, die in keinem sichtbaren Zusammenhang mit Leistung standen. Im Gegenteil, dieses Privileg diente fortan zur Rechtfertigung der in Relation zur Privatwirtschaft niedrigen Grundlöhne. Von der zum großen Teil jungen Lehrerschaft wurden billige Mehrdienstleistungen abverlangt, womit dem erhöhten Bedarf als Folge des Babybooms der 60-er Jahre und den vielerorts neu entstandenen Bildungsanstalten Rechnung getragen wurde.
Die 80-er Jahre
Im Jahre 1976 kündigte SP-Kanzler Kreisky wegen der ausufernden Budgetlage die Einsparung an Dienstposten um 1 % an, doch schon die folgenden Jahre waren geprägt von deficit spending (Keynes), wie z.B. die Aktion 8000 im öffentlichen Dienst, was zu zusätzlichen Anstellungen führte, obwohl der Bedarf nicht vorhanden war. Aus dieser Zeit stammt die historisch gewordene populistische Kreisky-Aussage: "Drei Milliarden mehr Schulden im Staatshaushalt bereiten mir weniger schlaflose Nächte als 3000 Arbeitslose."
Das für Bildung zur Verfügung stehende Kapital wurde vorrangig in neue Bildungsstätten investiert, um dem ideologischen Postulat, den Prozentsatz an SchülerInnen mit Matura-Abschluss zu steigern, gerecht zu werden. Auf eine marktorientierte Entlohnung für die wachsenden Anforderungen (inhomogene Gruppen, Forderung nach einer Öffnung des Unterrichts etc.) der Lehrerschaft wurde mißachtend verzichtet.
Als logische Folge dieser Bildungspolitik zeichnete sich die nächste Dekade durch eine kontinuierliche Steigerung von Maturanten-Zahlen aus, der Prozentsatz an Mädchen stieg überproportional. Eine andere Konsequenz daraus war auch eine "wundersame Vermehrung" von Lehramtsabsolventen an PÄDAKs und Universitäten. Nicht, daß ich diese gesellschaftspolitischen Trends grundsätzlich in Frage stellen oder gar kritisieren möchte; natürlich gab es auf diesem Gebiet (Relation Mädchen zu Burschen) Nachholbedarf, und ein neues politisches Bewußtsein bestimmte eine veränderte Lebensplanung der jugendlichen Szene nach '68. Trotzdem, um der Wahrheit gerecht zu werden, muß bei einer Anamnese der gegenwärtigen Bildungssituation bei der Ursachenforschung analytisch vorgegangen werden und daher ist auf diese bestimmenden Faktoren hinzuweisen.
Die 90-er Jahre
Erst im folgenden Jahrzehnt (85-95) sprach man von einer drohenden Lehrerschwemme, doch die überproportional anwachsende Zahl an weiblichem Personal und Lehramtskandidaten brachte mehr Fluktuation am Arbeitsplatz und damit war auch für die Gewerkschaft der Schlüssel für das Problem geliefert: Durch familienfreundliche Regelungen in den 80-er Jahren (Garantie für Wiedereinstieg nach Karenz, Teilzeitverpflichtung etc.) konnte die drohende Schwemme aufgefangen werden. Damit kam man darüber hinaus auch den neuen gesellschaftlichen Bedürfnissen/Lebensentwürfen entgegen. Doch heute, bei sinkenden Schülerzahlen, hat diese Regelung auch Nachteile. Für die auf den Arbeitsmarkt drängenden neuen Absolventen wirken sich solche "Rechte" blockierend aus.
Wenn der große Pensionierungsschub der jetzt 50-jährigen zu erwarten ist, also um 2010-2015, wird es wieder gravierenden Lehrermangel geben, doch die wohl erworbenen Pensionen werden dann noch weniger gewährleistet sein. Allein schon dieses Beispiel zeigt drastisch auf, wie dringend Struktur- und Verwaltungsreformen nötig sind, wenn wir verantwortungsvoll für die Zukunft handeln wollen.
So wie die Forderung der vorwiegend jungen Lehrerschaft in den 70-er Jahren nach angemessenem Grundlohn mit Überstunden "abgespeist" wurde, so war das gewerkschaftliche Kalkül der 80-er und 90-er Jahre eine "sichere Anstellung trotz Teilzeit".
Die Auswirkungen
Die Auswirkungen des bestehenden Dienst- und Besoldungsrechts auf die Anstellungssituation in APS, AHS, BHS sind nun offenkundig geworden. Die Folgen ständig sinkender Schülerzahlen bei gleichzeitig unverminderter Produktion von Lehramtskandidaten an Massenuniversitäten und Pädagogischen Akademien sind aus den erwähnten Gründen also erst in den letzten Jahren spürbar geworden, und zwar mit Verzögerungseffekt. Sie haben zur gegenwärtigen Situation mit Lehrerüberschuß im APS und AHS-Bereich, vor allem in geisteswissenschaftlichen Fächern (soziologisch orientierte Fächerwahl) geführt. Wir erleben also jetzt eine ähnliche Situation wie sie in den 80-er Jahren in anderen westlichen Ländern (GB, F, D, CH etc.) vorzufinden war.
Die demographische Situation läßt zwar einen Rückgang an Lehrerbedarf, besonders an AHS und APS erwarten. Dies hat aber auch mit dem wachsenden Spezialisierungsdruck zu tun, der den Zeitpunkt des Eintritts in die Arbeitswelt vorverlegen sollte. Daher der verstärkte Zugang zu berufsbildenden Schulen. Doch aus Erfahrung wissen wir, daß das Angebot-Nachfrage-Verhältnis sich innerhalb von wenigen Jahren verändern kann.
In den BHS und Berufsschulen, wo der Männeranteil noch bedeutend höher ist, kann der oben erwähnte Trend nur in geisteswissenschaftlichen Fächern festgestellt werden. Selbst die Überstundensituation ist dort fast unverändert geblieben. Bei anhaltend schlechten Besoldungsbedingungen ist nämlich damit zu rechnen, daß die Privatwirtschaft die besten Kräfte mit kommerziellen, technischen und naturwissenschaftlichen Qualifikationen abwirbt. Die Schulen müssen sich daher oft mit "second bests" zufriedengeben, wenn sie überhaupt noch Personal bekommen wollen. Die Wirtschaft benötigt dringend Fachkräfte, die auch aus „umlernwilligen“ Lehramtskandidaten rekrutiert werden können. Weshalb also die Panikmache um Arbeitsplätze?
Mehr Flexibilität unter Lehramtsabsolventen und jungen Kollegen darf also zum gegenwärtigen Zeitpunkt guten Gewissens eingefordert werden. Aber eine Arbeitsplatzsicherheit gibt es auch in der Wirtschaft nicht. Daher auch das umfassende Angebot zur Erlangung von Zusatzqualifikationen, z.B. im IT-Bereich. Durch verstärkte Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Schule können ausgebildete Lehrer wieder den Weg in die berufsbildenden Schulen oder in die Erwachsenenbildung finden, sobald die Entlohnung vergleichbar zur Wirtschaft geworden ist. Dies wäre ein Weg, wie die sich im Wandel befindliche Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft von neuen Inhalten der Bildung beseelt werden könnte.
Schlußfolgerungen
Das Ansehen des Lehrerstandes muß daher nicht nur durch klar definierte Qualitäts- und Effizienzkriterien verbessert werden, sondern unser Beruf muß auch wieder für männliche Jugendliche attraktiv werden, um auch begeisterungsfähige Idealisten für diesen Beruf zu gewinnen, nicht nur systemkritische, realitätsfremde Weltverbesserer. Ein vom Berufsethos beseelter Lehrer mißbraucht das Klassenzimmer auch nicht für parteipolitische Zwecke.
Mehr Sachlichkeit, Sensibilität und Fairness in der Berichterstattung ist sowohl beim ORF als auch bei Printmedien einzufordern, kritisches Denken sollte in der Oberstufe wieder gefördert werden. Dasselbe gilt auch, wenn es darum geht, ein pauschalierendes, wenig schmeichelhaftes Berufsbild unserer Profession zu skizzieren.
Die mangelhafte Entlohnung für eine an sich lohnenswerte Aufgabe steigert aber das Frustrationspotential der Lehrer ins Unerträgliche, außerdem wird die Attraktivität dieses Berufs schon aus wirtschaftlichen Gründen weiter schwinden. Deshalb kommt die bürgerliche Wende oppositionellen Lehrern gelegen, latent vorhandene (bzw. über Jahre akkumulierte) Unzufriedenheit jetzt zu ventilieren. Es kann aber nicht politischer Wille sein, mit österreichischen Steuergeldern ausgebildete Lehramtskandidaten ins Ausland abwandern zu lassen, auch wenn es kurzfristig (USA, GB, Bayern) im Sinne der Flexibilität eine Lösung zu sein scheint.
Die besten setzen sich auch im Ausland durch und bleiben (bei besseren finanziellen Rahmenbedingungen) oft für immer verloren.
Ausblick
Über Jahrzehnte wurde es verabsäumt, den Ausbildnern eine ähnliche Aufmerksamkeit zu schenken wie den Auszubildenden. Dem reformpädagogischen Trend folgend wich aufgrund einer stetig zunehmenden Überbewertung der Methodik gegenüber der Didaktik auch die Bedeutung der Inhalte von Bildung - den zeitgeistkonformen "Verpackungen". Mit dem verstärkten Augenmerk auf das "wie" in der Erziehung (Metho-denkompetenz!) sollte das "was" - die Inhalte - immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden, um durch eine perspektivische Umkehr das gesellschaftspolitische Ziel: Zugang zu "höherer Bildung" für alle - zu erreichen.
Waren die Lehrer der 70-er Jahre noch als "Pauker" mit klar definiertem Bildungsauftrag verschrien, so wurden sie zuletzt als "Parasiten der Gesellschaft" verschmäht. Immer lauter (seit den 70-er Jahren) ertönte der Ruf nach Erfüllung therapeutischer Aufgaben, immer mehr erlangten die Bildungsstätten den Charakter von gesellschaftspolitischen Entsorgungsdeponien. Die Schule ist zur Reparaturwerkstätte gesellschaftlicher Mängel geworden.
Von Gesellschaft und Öffentlichkeit muß aber dringend gefordert werden, daß sie die eigene Zwiespältigkeit aufgibt, nicht glaubt, von der Schule alles fordern zu können, um sich zu entlasten und gleichzeitig Schule und Lehrer in der Wahrnehmung dieser Aufgaben ständig zu diskriminieren.
□