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Artikel

War John Dewey Marxist?

von Erwin Rigo, ursprünglich publiziert in „Neue Freiheit“, 2002

Der in der letzten Folge der „Freien Meinung“ abgedruckte Dewey-Aufsatz hat ein großes Leserecho gefunden. Das rechtfertigt es wohl, dieses Thema nochmals aufzugreifen. Dr. Erwin Rigo ist Anglist und Leibeserzieher am BG Gallus Bregenz und hat mit dem Thema „Rezeptionsgeschichte John Deweys in der Deutschsprachigen Pädagogik der Gegenwart“ an der Universität Wien bei Prof. Heitger dissertiert.

JOHN DEWEY (1859-1952), einflußreicher amerikanischer Sozialphilosoph und Pädagoge, gilt als geistiger Vater einer Bildungsphilosophie, deren Grundpfeiler aus der wissenschaftlichen Denkmethode, nämlich Kontrolle, Experiment und objektive Testmethoden, bestehen. Diese wissenschaftliche Methode des reflektiven Denkens überträgt er auf alle Phasen des menschlichen Tuns und Handelns (learning by doing). In ihrer reinsten Form tritt sie in der Projektmethode auf, die vom Schülerbedürfnis ausgeht (child-centred). So soll sich dann auch die Demokratie im Sinne einer großen Forscherfamilie als ständige Experimentiergemeinschaft weiterentwickeln. Für ihn hat sich der Unterricht an Lebenspraxis zu orientieren, denn Aufgaben mit Lebensnähe bieten die ideale Ausgangsbasis für Bildung. Nur wer sich lernend mit Situationen oder Problemen befaßt, schafft damit Wirklichkeit. Aphorismen wie embryonic society, continuity of ends and means, teacher as facilitator of process etc., sind also auf diesen namhaften Vertreter des amerikanischen Pragmatismus und dessen Konzeption von Bildung, einer Erziehung zur Demokratie, zurückzuführen.

KURZBIOGRAPHY

  • BURLINGTON / VT, erlebte im Congregationalist Elternhaus ("Are you right with Jesus?") schmerzliche Unterdrückung, die er später mit "Gefühl von Trennung zwischen Körper und Seele, Ich und Welt, Natur und Gott" beschrieb.
    > intensive Suche nach Einheit, nach Aufspüren von Gegensätzen, Suchen nach einer Synthese (Anzeichen von Hegelschem Einfluß)
  • JOHNS HOPKINS / Baltimore, Studium der Philosophie, 1884 PHD on "The Psychology of Kant"
  • Lehrstuhl in MICHIGAN, erstes Treffen mit Studentin ALICE CHAPMAN ("What's the cash value of your philo-sophical speculation?)
    > wandte sich ab vom Reich des Idealen; Dewey: "… einzig mögliche Psychologie ist eine Sozialpsychologie"
  • Dewey entwickelt sich vom philosophischen Idealisten zum Pragmatiker (Naturalist, Instrumentalist und Experimentalist)
  • Bewundert den engl. Philosophen und Sozialforscher TH. H. GREEN (Begründer des welfare state)
  • The School and Society (1899), The Child and the Curriculum (1902), Democracy and Educa-tion (1916) wurde in 16 Sprachen übersetzt!
  • 1894 CHICAGO SCHOOL OF PHILOSOPHY; von Principles of Psychology von WILLIAM JAMES beeinflußt
    > Gründung der Laborschule
  • 1890-1920 geprägt von der Diskussion über Multikulturalismus, 1901 Eheschließung
    > Alice kümmert sich vorwiegend um das Schicksal von Immigranten in Chicago
  • 1904 Berufung an die Columbia University (NEW YORK)
    > Mekka der Reformpädagogik
  • 1909 WILLIAM KILPATRICK wird Assistenzprofessor bei Dewey ("The Art and Practice of Teaching") und widmete sich vorwiegend der Projektmethode
    > THORNDIKE'S lernpsychologischer Einfluß verstärkte sich
  • 1917 Unterstützungserklärung für den Kriegseintritt ("to end all wars and the war to make the world safe for democracy")
  • 1919-1920 Vortragsreisen nach China und Japan (mit BERTRAND RUSSEL). Sein holistischer Liberalismus fand vor allem in China mehr Anklang als RUSSELS individualistische Variante
  • 1921 Gründung der Summerhill School (A. S. NEILL) in GB, zeitgleich machte Maria MONTESSORI mit ihren materialgeleiteten Unterrichtsmethoden in Italien von sich reden
  • 1924 nach Revolution Atatürks Ruf in die Türkei
    > Deweys Beitrag bei der Westernisierung und Modernisierung belegbar; Dewey empfahl, sich an den Schulen Dänemarks zu orientieren (Schulen in die Landwirtschaft integriert)
  • 1928: zum Studium des Bil-dungssystems Sowjetunion
    > sah in sowjet. Modell gelungenes Modell für den Westen (amerikanische KP setzte große Hoffnungen in Dewey)
  • SIDNEY HOOK, ehemaliger Dissertant bei Dewey, Unterstützer der non-Communist social democrats der 30-er und 40-er Jahre, versuchte über Jahre Dewey für die ANTI-STALINISTISCHE LINKE zu gewinnen, da er mit Experience and Education (Epistemologie und Sozialphilosophie) das intellektuelle Rüstzeug für einen sozialdemokratischen, nicht totalitären Marxismus geliefert hatte
  • 1930 emeritiert von Columbia, 1937 Mexiko City: chairman-ship of the Commission of Inquiry into the Charges Made Against Leon Trotzky (Schauprozesse in Moskau '36-'37)
  • AUFTRAG DER GESELLSCHAFTSVERÄNDERUNG (Schule = social centre) ist im holistischen Ansatz seiner Bildungsphilosophie allgegenwärtig.
  • Das amerikanische Erziehungsprogramm (Umerziehung und Entnazifizierung) in der BRD bis 1950 trug Deweys Handschrift, auch die "Neulehrer" in der sowjetischen Besatzungszone beriefen sich als 'Gesellschaftserneuerer auf die Reformpädagogik.

John Dewey ortete zwischen dem unschuldigen Zögling und der "accumulated culture" der fehlerhaften Erwachsenenwelt eine signifikante Konfliktsituation, die sich im Lehrplan widerspiegelt. Er weist dabei auf die Energien und die Talente des Studenten hin, die den Strukturen eines archaischen Schulsystems gegenüberstehen, und spricht in diesem Zusammenhang von den "forces of production", die uns vorwärtsbringen können, und den "relations of production", die uns aufhalten.

In den Augen Deweys war der Konflikt zwischen Kind und dem traditionellen Lehrplan eine dramatische Saga von Spannung und Entfremdung, die vor allem auf einen Widerspruch zwischen realen Interessen der Kinder und jenen der Schule zurückzuführen ist. Daher sah er in der Schule ein Schlachtfeld, wo sich die Kräfte der Reaktion und die der Aufklärung duellieren. Die Erfahrungswelt der Kinder würde ignoriert, was zur Folge hätte, daß die Vermittlung externer, allgemeiner (oft absoluter) Wahrheiten zum Opiat für den Unterrichtenden geworden sei, gleichzeitig aber auch ein Hindernis für echtes Wachstum und für die Entwicklung des Kindes darstelle.

DEWEY & MARX

Genauso, wie Marx in seiner Analyse des Kapitalismus das Endprodukt (the commodity itself) gewählt hatte, setzte Dewey ebenfalls beim Endprodukt der Schule, dem Kind, mit seiner Erziehungsanalyse an.

Die Kinder hatten nichts zu verlieren als die "Ketten des Lehrplans". Selbstverwirklichung war eine weltliche Transzendenz, die das Kind zu einem perfekten Modell des neuen sozialistischen Menschen machen würde. Fortschritt des Individuums könne nur in Relation zu den Bedürfnissen der Gesellschaft betrachtet werden.

Dewey war überzeugt, daß durch Aktivitätsmethoden ein berufsortentiertes Verständnis im Erziehungsprozeß eintreten würde. Ebenso würde die Schule, die er - wie Marx - mit mittelalterlichem Aberglauben gleichsetzte, wenn sie einmal von religiösen Einflüssen befreit sei, allen demonstrieren, daß es weder Gott noch Vorsehung (cf. Protestant ethic) ist, die den Fortschritt verantworten, sondern nur die materielle Erde und die menschliche Arbeit.

Für klassische Geschichte im Lehrplan sah Dewey keine Begründung, für eine Schärfung des sozialen Bewußtseins jedoch sehr wohl, um dem Schüler die Quelle unseres ökonomischen Elends bewußt zu machen.

Für Dewey irrte Marx aber in einem fundamentalen Aspekt: Dem Glauben, daß ein gewalttätiger Klassenkampf ein wirksames Mittel zum sozialen Fortschritt sei.

Deweys Verpflichtung zur friedlichen Evolution distanzierte ihn von allen politischen Anschuldigungen seiner Zeit. Im Rückblick muß man neidlos seine "intelligente Methode" und sein Konzept des Wachstums als erfolgreicheren Weg anerkennen.

Wenn also Sidney Hook, ein Dissertant bei Dewey, zum Schluß kommt, "... Marx verstand seine ‘Partei’ weder als verschwörerische, organisierte Untergrundarmee, noch als eine Gruppe mit der Absicht, eine Diktatur über das Proletariat zu errichten, noch als eine spezielle politische Partei" und hinzufügt, daß deren vorrangige Funktion es ist "educational leadership" auszuüben, dann ist doch Deweys enthusiastische Verpflichtung gegenüber dem Sozialismus - durch Bildung und Erziehung bewerkstelligt - diesem Ansinnen gleichzusetzen.

Laut My Pedagogic Creed (1897), ist Schule vorrangig eine soziale Institution, Bildung ein sozialer Prozeß, daher ein Prozeß des Le-bens und nicht eine Vorbereitung auf künftiges Leben, daher muß Schule gegenwärtiges Leben repräsentieren.

Da für Dewey Demokratie mit erfülltem Leben gleichzusetzen ist, bedeutet die Veränderung von Schule zunächst einmal, daß dort Beschäftigung Spaß machen sollte.

Das progressive Modell der Erziehung (Reformpädagogik) kann, vereinfacht ausgedrückt, auf "aktives / interaktives Lernen" und Unterricht mit pragmatischem Ansatz reduziert werden. Schon die Reaktionen auf die erziehungswissenschaftliche Literatur der 50-er und 60-er Jahre in den USA schwankten von begeisternder Zustimmung bis vehementer Ablehnung, da sich "diese Richtung vor allem durch die Verschwommenheit ihrer Bildungsziele auszeichnet." In den 30-er Jahren betraf die Kritik der Erfahrungspädagogik vorwiegend die mangelnde Disziplin.

Wie schon eingangs erwähnt, fühl(t)en sich progressive educators vor allem als selbsternannte "Sozi-alrevolutionäre" und "Sozialingenieure". In diesem Anspruch ist die marxistische Philosophie, die für einen Paradigmenwechsel im vergangenen Jahrhundert verantwortlich war, als Urheber nicht zu leugnen.

Dewey fand also in der Formulierung seiner Bildungstheorien Marx zumindest nützlich, wenn nicht gar unverzichtbar, was durch verschiedene wissenschaftliche Abhandlungen in Canada (McGill University / Quebec) und den USA belegt wird und in meiner Dissertation zur "Rezeptionsgeschichte John Deweys in der deutschsprachigen Pädagogik der Gegenwart" ausführlicher behandelt wurde.

Auch Prof. Yarem Kelebay (Quebec) wies profunde antikapitalistische Grundhaltung in wirtschaftlichen Fragen nach, eine Neigung und Präferenz gegenüber Fabian and Keynesian themes (statism). Ein Ausblenden der Kräfte der freien Marktwirtschaft ist offenkundig. Erst unter dem Begriff "Reaganomics" wurde in den 80-er Jahren eine Wirtschaftsphilosophie mit sozial-darwinistischen Zügen wiederbelebt und war bald als counter-movement (Friedman's policy of tight money) in aller Munde. Die gegenwärtige Globalisierungsdebatte läuft vor demselben Hintergrund ab.

In The School and the Society erinnert Dewey an Platons Definition von einem Sklaven als "einer, der in seinen Handlungen nicht seine eigenen Ideen ausdrückt, sondern die eines anderen ..."

Es ist unbestritten, daß Karl Marx die größte Massenbewegung der Neuzeit inspirierte. Die intensivsten Diskussionen fanden in der Zeit von 1880-1914 statt und flammten nach der Oktoberrevolution von neuem auf. Dewey lebte daher in einer Zeit des Paradigmenwechsels: Post-1848 erlebte konservative Staatsmänner wie Napoleon III, Cavour und Bismarck, was unter anderem zur sozialen Revolution führte.

Daher können vier Prämissen als marxistische Denkstrukturen apostrophiert werden:

  1. Der dialektische Annäherungsver-such zum Wissenserwerb
  2. Der materialistische Ansatz zum Geschichtsverständnis
  3. Eine generell kritische Sicht von Kapitalismus, die auf die Gesellschaftsanalyse von Karl Marx schließen läßt
  4. Eine moralische Verpflichtung gegenüber dem Sozialismus, bzw. ein unerschütterlicher Glaube an die Einheit von Theorie und Praxis

Ad 1) Unter dialektischem Denkprozeß versteht man einen "aktivistischen Ansatz", um zum Wissen zu gelangen, bei Dewey heißt das "intelligent action". Der Marxismus betont ebenfalls die Produktion von Erkenntnissen gegenüber der passiven Aufnahme von Wissen. Daraus wird die kommunistische Verpflichtung gegenüber irgendeiner Form von sozial-revolutionärer Aktivität gerechtfertigt. Die zweite grundsätzlich dialektische Idee ist die Überzeugung, daß die wahre Natur jeder Realität Bewegung ist, und nicht Ruhe. Wandel und Veränderung sind also die Essenz des Seins.

Ad 2) Marxisten orten das grundlegende Motiv für historischen Wandel im Kampf zwischen den ökonomisch bestimmten sozialen Klassen.

Die Fusion aus einem materialistischen Ausgangspunkt mit einer dialektischen Konzeption von historischem Wandel verleiht dem Marxismus seinen unvergleichbaren Kampfgeist. Heilbronner (Am. expert on political and economic theory) subsumiert den marxistischen Mythos mit folgenden Worten:

"Marxistische Geschichte weist letztendlich auf einen Doppelsieg für die Menschheit hin – einen Sieg über die Dominanz von Klassenherrschaft und einen Sieg über die Deformation des Menschen, über die Entfremdung"

Ad 4) Marxisten sind überzeugt, daß die Anwendung von sozio-analytischen Methoden (Marx) die Vergangenheit erhellen wird und als Werkzeug zur Gestaltung einer besseren Zukunft dient. Die moralische Verpflichtung gegenüber dem Sozialismus ist eine natürliche Verbindung von Theorie und Praxis zum Wohle der Menschheit.

DEWEY & SOZIALISMUS

Trotz seiner großen Abneigung gegen die revolutionäre Gewalt lehnte Dewey die Gelegenheit, Stalins Sowjetunion im Sommer 1928 zu besuchen, nicht ab. Sein philosophischer Einfluß auf sozialistische Erziehungswissenschaftler geht auf 1905 zurück, da aber seine Verfechter bald ihre Zeit in zaristischen Gefängnissen zubrachten, erwachten seine Ideen erst wieder mit dem Jahr 1917.

Während der Jahre 1920-28 veröffentlichte Dewey einige sehr wohlgesinnte Impressionen von Sowjet-Russland in The New Republic. Seine Vorliebe für den neuen Staat schwand aber proportional mit steigenden Mißerfolgen seiner Bildungstheorien bei russischen Schulabgängern. Auch die weltweit propagierte Projektmethode erwies sich als ungeeignet für die Erfüllung des stalinistischen Fünf-Jahresplans.

Dewey mag mit dem Zorn des Geächteten geantwortet haben, als er 1937 die Führung des Trotzky-Tribunals übernahm. Darin wurde Stalins Todfeind von allen Anschuldigungen entlastet. Seine Verwicklung in diesen ge-chichtsträchtigen Prozeß hat eine kommunistische Kampagne gegen ihn zur Folge, die Dewey erst zum Verteidiger des Kapitalismus machte (als der er heute gerne gesehen wird).

Kurzgefaßt, Deweys Philosophie war geprägt von anfänglich hegelianischem Idealismus, später reichte der Bogen über den Pragmatismus (funktionale Psychologie) eines WILLIAM JAMES zum Sozialforscher TH. H. GREEN. Oft wird heute seine Erziehungslehre auch als instrumentalisierte Pädagogik bezeichnet, eine wohlwollendere Beschreibung finden wir im Begriff "Erfahrungspädagogik".

Auf die provokante Frage, ob George Walden (ehemaliger MP for Higher Education, GB) die moralische Instabilität britischer Bildungswerte als Resultat einer marxistischen Verschwörung betrachte, antwortete dieser: "Ich glaube, daß eine echte marxistische Verschwörung die britische Erziehungslandschaft mehr belebt hätte. Was wir anstelle dessen gehabt haben; ist eine vulgarisierte, bastardisierte Version eines Glaubensbekenntnisses: nicht marxistisch, sondern marxoid." (Vortrag: Leeds University, 1986)

Was dabei auffällt ist die Tatsache, daß mit 15 Jahren Zeitverzögerung ein ähnlicher Befund auf unsere Bildungslandschaft zutrifft. Die Bildungsreformen in den USA (1989-93) und GB (1989) während der letzten Dekade im 20. Jh. haben diesem Umstand durch weitgehende Abkehr von progressiven Fehlentwicklungen soweit als möglich Rechnung getragen.